2004-03-09 - 023:25 - Wenn man sie nur ließe ...

Es gibt Tätigkeiten, von denen so ziemlich jeder glaubt er würde sie viel besser beherrschen als derjenige, der sie tatsächlich ausübt. Weswegen sich auch alle möglichen Menschen berufen fühlen, ihre höchst qualifizierten Ansichten ungefragt in die Welt zu posaunen. Oder besser noch direkt der betreffenden Person zu präsentieren, ungekürzt und in bester Tonqualität.

Davon dürften am häufigsten Politiker betroffen sein, die sowieso selten etwas richtig machen können und deren Job so ziemlich jeder Mensch besser machen würde, wenn man ihn denn nur ließe. Und weil man ihn aber nicht läßt, muß er sich eben anders mitteilen. In erbosten Leserbriefen, auf der Straße, in Kneipen und gerne auch in täglichen Anrufen und seitenlangen Schreiben an den Abgeordneten des Wahlkreises.

Aber das betrifft nicht nur Volksvertreter, sondern auch andere Menschen, in deren Berufsanforderungen nie etwas von hoher Nörglertoleranzschwelle zu lesen war. Zum Beispiel teilt man Webdesignern wie Sannie gerne ungefragt mit, was sie alles besser machen könnte auf ihren Seiten. Und Anwälte kommen immer wieder in den Genuß längerer Ausführungen über die Mängel unseres Justizsystems, bevorzugt von Menschen, die ihr Wissen darüber ausschließlich bei Ruth Herz beziehen.

Vor einigen Wochen durfte ich dann in einem sehr teuren Restaurant Zeuge einer bemerkenswerten Szene werden, in deren Verlauf der distinguierte Herr vom Nachbartisch den Küchenchef zu sich zitierte. Der Herr lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück, musterte den Chefkoch, legte die Stirn in sorgsam vorgeformte Denkerfalten und sagte schließlich mit schleppender Stimme, augenscheinlich ermüdet von den fünf Gängen: "Thymian, mein Bester. Glauben Sie mir, auch in ihrer Küche würde Thymian Wunder wirken."

Aber damit nicht genug, denn neuerdings hat meine Mutter einen erstaunlichen Sinneswandel durchlaufen. Anstatt mir weiterhin zu erzählen, daß meine Schreiberei auch nichts anderes sei als spinnerte Zeitverschwendung auf hohem Niveau, scheint sie inzwischen tatsächlich so etwas wie mütterlichen Stolz zu empfinden. Zumindest erzählt sie in ihrem Umfeld überall rum, ihre Tochter würde da so eine Art Tagebuch und Kolumnen im Internet schreiben.

Wo genau, das kann sie natürlich nicht sagen, denn sie hat nur eine sehr vage Vorstellung von "dem Internet" und kann ohne fremde Hilfe nicht mal einen Rechner anschalten, geschweige denn irgendwas im Netz lesen. Das ist vermutlich auch besser so, denn meine Seiten dürften nicht ganz den Erwartungen des gutbürgerlichen Umfelds meiner Eltern entsprechen.

Diese Unkenntnis hindert das Umfeld aber natürlich nicht daran, mir bei Heimatbesuchen mit großer Freude ihre eigenen Vorstellungen vom Leben und Schreiben darzulegen. Eingeleitet wird so etwas gerne mit einem versonnenen Lächeln und den Worten: "Ach ja, so was sollte ich auch mal machen. Mein Leben ist ein einziger Roman. Wenn ich da mal erzählen dürfte ..." Dürfen sie nicht, tun sie aber trotzdem. In epischer Breite.

Versteht mich nicht falsch. Meinetwegen soll jeder sein Leben oder sonst etwas schreiben, aber ich möchte mir nicht alles anhören oder alles lesen müssen. Ein Blog kann ich wenigstens gleich wieder weg- oder gar nicht erst anklicken, aber wie funktioniert das bei einer redseligen, durchaus liebenswürdigen älteren Dame? Wo bitte ist da der Knopf?

Besonders beliebt machen sich auch hier allerdings diejenigen, die immer alles können und besser wissen. Die haben nämlich meist schon DEN Einleitungssatz für DEN Roman oder aber mindestens eine besonders witzige Pointe formuliert, die sie mir dann mündlich vortragen. Mehrfach wiederholt, versteht sich, damit kein Wort verloren geht, um dann gönnerhaft hinterher zu schieben: "Dürfen Sie auch gern verwenden."

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Wenn man sie nur ließe ... 2004-03-09 023:25 Es gibt Tätigkeiten, von denen so ziemlich jeder glaubt er würde sie viel besser beherrschen als derjenige, der sie tatsächlich ausübt. Weswegen sich auch alle möglichen Menschen berufen fühlen, ihre höchst qualifizierten Ansichten ungefragt in die Welt zu posaunen. Oder besser noch direkt der betreffenden Person zu präsentieren, ungekürzt und in bester Tonqualität.

Davon dürften am häufigsten Politiker betroffen sein, die sowieso selten etwas richtig machen können und deren Job so ziemlich jeder Mensch besser machen würde, wenn man ihn denn nur ließe. Und weil man ihn aber nicht läßt, muß er sich eben anders mitteilen. In erbosten Leserbriefen, auf der Straße, in Kneipen und gerne auch in täglichen Anrufen und seitenlangen Schreiben an den Abgeordneten des Wahlkreises.

Aber das betrifft nicht nur Volksvertreter, sondern auch andere Menschen, in deren Berufsanforderungen nie etwas von hoher Nörglertoleranzschwelle zu lesen war. Zum Beispiel teilt man Webdesignern wie Sannie gerne ungefragt mit, was sie alles besser machen könnte auf ihren Seiten. Und Anwälte kommen immer wieder in den Genuß längerer Ausführungen über die Mängel unseres Justizsystems, bevorzugt von Menschen, die ihr Wissen darüber ausschließlich bei Ruth Herz beziehen.

Vor einigen Wochen durfte ich dann in einem sehr teuren Restaurant Zeuge einer bemerkenswerten Szene werden, in deren Verlauf der distinguierte Herr vom Nachbartisch den Küchenchef zu sich zitierte. Der Herr lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück, musterte den Chefkoch, legte die Stirn in sorgsam vorgeformte Denkerfalten und sagte schließlich mit schleppender Stimme, augenscheinlich ermüdet von den fünf Gängen: "Thymian, mein Bester. Glauben Sie mir, auch in ihrer Küche würde Thymian Wunder wirken."

Aber damit nicht genug, denn neuerdings hat meine Mutter einen erstaunlichen Sinneswandel durchlaufen. Anstatt mir weiterhin zu erzählen, daß meine Schreiberei auch nichts anderes sei als spinnerte Zeitverschwendung auf hohem Niveau, scheint sie inzwischen tatsächlich so etwas wie mütterlichen Stolz zu empfinden. Zumindest erzählt sie in ihrem Umfeld überall rum, ihre Tochter würde da so eine Art Tagebuch und Kolumnen im Internet schreiben.

Wo genau, das kann sie natürlich nicht sagen, denn sie hat nur eine sehr vage Vorstellung von "dem Internet" und kann ohne fremde Hilfe nicht mal einen Rechner anschalten, geschweige denn irgendwas im Netz lesen. Das ist vermutlich auch besser so, denn meine Seiten dürften nicht ganz den Erwartungen des gutbürgerlichen Umfelds meiner Eltern entsprechen.

Diese Unkenntnis hindert das Umfeld aber natürlich nicht daran, mir bei Heimatbesuchen mit großer Freude ihre eigenen Vorstellungen vom Leben und Schreiben darzulegen. Eingeleitet wird so etwas gerne mit einem versonnenen Lächeln und den Worten: "Ach ja, so was sollte ich auch mal machen. Mein Leben ist ein einziger Roman. Wenn ich da mal erzählen dürfte ..." Dürfen sie nicht, tun sie aber trotzdem. In epischer Breite.

Versteht mich nicht falsch. Meinetwegen soll jeder sein Leben oder sonst etwas schreiben, aber ich möchte mir nicht alles anhören oder alles lesen müssen. Ein Blog kann ich wenigstens gleich wieder weg- oder gar nicht erst anklicken, aber wie funktioniert das bei einer redseligen, durchaus liebenswürdigen älteren Dame? Wo bitte ist da der Knopf?

Besonders beliebt machen sich auch hier allerdings diejenigen, die immer alles können und besser wissen. Die haben nämlich meist schon DEN Einleitungssatz für DEN Roman oder aber mindestens eine besonders witzige Pointe formuliert, die sie mir dann mündlich vortragen. Mehrfach wiederholt, versteht sich, damit kein Wort verloren geht, um dann gönnerhaft hinterher zu schieben: "Dürfen Sie auch gern verwenden."

ndema - 2004-03-10 02:33:48
ich hab nichts gegen vorschlaege .. vor allem wenn sie wirklich gut sind .. aber ich kenne auch diese merkwuerdige sorte von mensch die ihren eigenen (schlechten) geschmack zum standard erhoben hat und keine abweichung erlaubt .. in diesem sinne kann ich nur sagen .. van Gogh .. das war wohl nix .. nochmal!
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ich hab nichts gegen vorschlaege .. vor allem wenn sie wirklich gut sind .. aber ich kenne auch diese merkwuerdige sorte von mensch die ihren eigenen (schlechten) geschmack zum standard erhoben hat und keine abweichung erlaubt .. in diesem sinne kann ich nur sagen .. van Gogh .. das war wohl nix .. nochmal! Anke - 2004-03-10 06:04:32
Kurze Frage ... allerdings nicht zum Thema: Wann kommt denn Deine neue Kolumne raus? Ich warte schon ganz ungeduldig :o)
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Kurze Frage ... allerdings nicht zum Thema: Wann kommt denn Deine neue Kolumne raus? Ich warte schon ganz ungeduldig :o) André - 2004-03-10 10:44:53
Herzlichen Dank für den neuen Beitrag im Stadtgeflysster. Ob der vortrefflichen Schilderung des Geschehens konnte ich mich nicht gegen eine bildliche Vorstellung des Treibens im Schlafzimmer der Frau Lyssa erwehren. Dies führte wiederum zu einem breiten Grinsen meinerseits.
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Herzlichen Dank für den neuen Beitrag im Stadtgeflysster. Ob der vortrefflichen Schilderung des Geschehens konnte ich mich nicht gegen eine bildliche Vorstellung des Treibens im Schlafzimmer der Frau Lyssa erwehren. Dies führte wiederum zu einem breiten Grinsen meinerseits. Thomas - 2004-03-10 20:46:48
Das Stadtgeflysster ist zum schreien. Du hättest Dein Bett in den Flur quetschen sollen. Dann hätten beide mit dem Arsch an der Wand schlafen können. Ich wäre da richtig boshaft geworden und hätte die Homophobie der Jungs noch ein bisschen geschürt ;-).
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Das Stadtgeflysster ist zum schreien. Du hättest Dein Bett in den Flur quetschen sollen. Dann hätten beide mit dem Arsch an der Wand schlafen können. Ich wäre da richtig boshaft geworden und hätte die Homophobie der Jungs noch ein bisschen geschürt ;-). Lyssa - 2004-03-11 05:30:58
An manchen Tagen frage ich mich ja, ob ich nicht zuviel über mein Privatleben verrate in diesen Kolumnen ;-)
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An manchen Tagen frage ich mich ja, ob ich nicht zuviel über mein Privatleben verrate in diesen Kolumnen ;-) Dirk - 2004-03-11 08:05:49
Lyssa, ich frag mich eher, wie du reagiert hättest, wenn die beiden Kerle latent bi gewesen wären und deinem Vorschlag zugestimmt hätten :-)
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Lyssa, ich frag mich eher, wie du reagiert hättest, wenn die beiden Kerle latent bi gewesen wären und deinem Vorschlag zugestimmt hätten :-) ndema - 2004-03-11 08:30:20
ich muss wohl eher lyssa fragen was sie denn da fuer komsiche freunde hat *laaaach* .. abgesehen davon dass ich wohl eher am boden schlummern wuerde als ein bett (ein kleines?) noch teilen zu muessen ;)
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ich muss wohl eher lyssa fragen was sie denn da fuer komsiche freunde hat *laaaach* .. abgesehen davon dass ich wohl eher am boden schlummern wuerde als ein bett (ein kleines?) noch teilen zu muessen ;) Lyssa - 2004-03-11 08:44:09
@Dirk: Hmmm, eine wilde Nacht gehabt?
Und natürlich hab ich kein kleines Bett, da muß bei Bedarf schließlich noch mindestens eine weitere Person bequem reinpassen, ganz abgesehen davon, daß der Hund nachts immer quer liegt und drängelt.
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@Dirk: Hmmm, eine wilde Nacht gehabt?
Und natürlich hab ich kein kleines Bett, da muß bei Bedarf schließlich noch mindestens eine weitere Person bequem reinpassen, ganz abgesehen davon, daß der Hund nachts immer quer liegt und drängelt.
van - 2004-03-11 09:26:31
hmpf.. ich fern des heimischen rechners mitsamt seiner bookmarks, keine suchfunktion im lounge-script (jedenfalls keine, die ich auf anhieb finden kann)& unter links ist das stadtgeflysster auch nicht verlinkt... grummel.. also, wenn man mich nur ließe... kleinlaut: könnte mal bitte jemand den link hier in die kommentare packen?
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hmpf.. ich fern des heimischen rechners mitsamt seiner bookmarks, keine suchfunktion im lounge-script (jedenfalls keine, die ich auf anhieb finden kann)& unter links ist das stadtgeflysster auch nicht verlinkt... grummel.. also, wenn man mich nur ließe... kleinlaut: könnte mal bitte jemand den link hier in die kommentare packen? ndema - 2004-03-11 09:53:32
http://www.brainstorms42.de
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http://www.brainstorms42.de Lyssa - 2004-03-11 11:04:30
Mein Fehler, aber auf der neuen Seite ist alles ordentlich verlinkt :-)
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Mein Fehler, aber auf der neuen Seite ist alles ordentlich verlinkt :-)