2003-09-25 - 23:50 - Voll der heiße Scheiß, Mann

Ich habe mich bislang immer nur im Stillen geärgert über endlose Kopierschutzdebatten, horrende CD-Preise, die überproportionale Zunahme schlechter Musik und das Gejaule der Musikindustrie über tragischen Umsatzeinbußen (für die natürlich nur die Weltwirtschaft, der Kanzler, chinesische Hinterhofbrenner, Musikbörsennutzer usw. die Verantwortung tragen). Ansonsten hab ich mich über die wenigen Lichtblicke gefreut und dafür auch bereitwillig mein Geld zum Dealer meines Vertrauens getragen.

Aber was meine müden Augen heute abend auf MTV sehen mußten, das ging ganz eindeutig zu weit. Verantwortlich dafür scheint mir irgendein Marketingmensch bei BMG zu sein, dem eine ätzende Substanz in die letzte Prise Koks geraten sein muß, die seither für erhebliches Störfeuer in seinem Gehirn sorgt. Vielleicht stammt der Spruch auch von einem beauftragten Werber, der das erste aufgeschrieben hat, was ihm nach dem Quickie mit der Praktikantin in der Mittagspause in den Sinn kam.

Das Ergebnis dieser ungünstigen Umstände sieht dann folgendermaßen aus: Ein dürres Knäblein hüpft zu bestenfalls durchschnittlicher Musik über den Bildschirm und nach wenigen Sekunden wird von der Stimme aus dem Off eine neue Platte angekündigt mit dem Satz "Voll der heiße Scheiß, Mann".

Hallo? Was ist denn hier los? "Voll der heiße Scheiß" soll mich zum Kaufen animieren? Seit wann fallen schon Menschen jenseits der 25 mit einem IQ über 80 aus der werberelevanten Zielgruppe heraus? Oder ist das nur ein Plan des Finanzministers, uns aus den Plattenläden fernzuhalten, damit wir unser Geld in die Altersvorsorge investieren? Wenn ja, dann könnte die Strategie aufgehen.

Falls ich aber mal wieder zu dämlich war, Ironie in der Werbung zu verstehen und der Slogan eigentlich, hahaha, witzig und äußerst hintersinnig gemeint war, dann muß ich leider sagen: Klassenziel verfehlt. Es gibt Dinge, die sind so furchtbar, daß man damit als anständiger Mensch keine Witze macht. Sätze wie "voll der heiße Scheiß, Mann" gehören definitiv dazu. Man reiche mir einen Eimer. Jetzt ohne Scheiß, Mann.

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Voll der heiße Scheiß, Mann 2003-09-25 23:50 Ich habe mich bislang immer nur im Stillen geärgert über endlose Kopierschutzdebatten, horrende CD-Preise, die überproportionale Zunahme schlechter Musik und das Gejaule der Musikindustrie über tragischen Umsatzeinbußen (für die natürlich nur die Weltwirtschaft, der Kanzler, chinesische Hinterhofbrenner, Musikbörsennutzer usw. die Verantwortung tragen). Ansonsten hab ich mich über die wenigen Lichtblicke gefreut und dafür auch bereitwillig mein Geld zum Dealer meines Vertrauens getragen.

Aber was meine müden Augen heute abend auf MTV sehen mußten, das ging ganz eindeutig zu weit. Verantwortlich dafür scheint mir irgendein Marketingmensch bei BMG zu sein, dem eine ätzende Substanz in die letzte Prise Koks geraten sein muß, die seither für erhebliches Störfeuer in seinem Gehirn sorgt. Vielleicht stammt der Spruch auch von einem beauftragten Werber, der das erste aufgeschrieben hat, was ihm nach dem Quickie mit der Praktikantin in der Mittagspause in den Sinn kam.

Das Ergebnis dieser ungünstigen Umstände sieht dann folgendermaßen aus: Ein dürres Knäblein hüpft zu bestenfalls durchschnittlicher Musik über den Bildschirm und nach wenigen Sekunden wird von der Stimme aus dem Off eine neue Platte angekündigt mit dem Satz "Voll der heiße Scheiß, Mann".

Hallo? Was ist denn hier los? "Voll der heiße Scheiß" soll mich zum Kaufen animieren? Seit wann fallen schon Menschen jenseits der 25 mit einem IQ über 80 aus der werberelevanten Zielgruppe heraus? Oder ist das nur ein Plan des Finanzministers, uns aus den Plattenläden fernzuhalten, damit wir unser Geld in die Altersvorsorge investieren? Wenn ja, dann könnte die Strategie aufgehen.

Falls ich aber mal wieder zu dämlich war, Ironie in der Werbung zu verstehen und der Slogan eigentlich, hahaha, witzig und äußerst hintersinnig gemeint war, dann muß ich leider sagen: Klassenziel verfehlt. Es gibt Dinge, die sind so furchtbar, daß man damit als anständiger Mensch keine Witze macht. Sätze wie "voll der heiße Scheiß, Mann" gehören definitiv dazu. Man reiche mir einen Eimer. Jetzt ohne Scheiß, Mann.

cerebus - 2003-09-25 18:57:04
Solange manche Menschen denken, daß es Dinge gibt, "die so scheiße sind, daß sie schon wieder gut sind", wird das wohl einen Markt finden. Die Welt ist schlecht!
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Solange manche Menschen denken, daß es Dinge gibt, "die so scheiße sind, daß sie schon wieder gut sind", wird das wohl einen Markt finden. Die Welt ist schlecht! grenzer - 2003-09-26 04:00:59
Trash... als Kult verkauft sich mitunter gut. Wenn ich Bekannten aus der Werbebranche so zuhöre bekomme ich oft den Eindruck, die haben sich dermassen in Trends und darauf folgende Gegentrends, in "den Verbraucher erfrischend gegen den Strich kämmen" verlaufen, dass Werbung zum Selbstzweck verkommt. Jedes Unternehmen (Werbekunde) hat die Kampagne verdient, die er freigibt/genehmigt. Und wenn die nur die entsprechende Agentur als besonders durchgeknallt darstellt, aber nichts für's Produkt leistet... dann gibt es noch immer Blasen, die auf's Platzen warten.
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Trash... als Kult verkauft sich mitunter gut. Wenn ich Bekannten aus der Werbebranche so zuhöre bekomme ich oft den Eindruck, die haben sich dermassen in Trends und darauf folgende Gegentrends, in "den Verbraucher erfrischend gegen den Strich kämmen" verlaufen, dass Werbung zum Selbstzweck verkommt. Jedes Unternehmen (Werbekunde) hat die Kampagne verdient, die er freigibt/genehmigt. Und wenn die nur die entsprechende Agentur als besonders durchgeknallt darstellt, aber nichts für's Produkt leistet... dann gibt es noch immer Blasen, die auf's Platzen warten. Sachar - 2003-09-26 05:01:19
Jetzt würde mich nur noch interessieren, was da angekündigt wurde. Ich tippe mal auf Daniel Küblböck, der ist ja schließlich bei BMG. Lyssa, ich werde Dir bald mal wieder ein Paket zusammenschnüren (dieses Mal mit mehr CDs).
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Jetzt würde mich nur noch interessieren, was da angekündigt wurde. Ich tippe mal auf Daniel Küblböck, der ist ja schließlich bei BMG. Lyssa, ich werde Dir bald mal wieder ein Paket zusammenschnüren (dieses Mal mit mehr CDs). Tammo - 2003-09-26 07:40:40
Zumindest wird wieder kräftig über so eine Werbeaktion gesprochen. Was mich viel mehr ärgert, ist doch das, was Lyssa eingangs in Ihrem Tagebucheintrag erwähnte: Das ständige Rumreiten auf den Feindbildern der Musikindustrie. Selbst der Spiegel hat in der vorvorletzten Ausgabe eine MI-freundliche Rolle eingenommen und meines Erachtens ziemlich einseitig darüber berichtet.
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Zumindest wird wieder kräftig über so eine Werbeaktion gesprochen. Was mich viel mehr ärgert, ist doch das, was Lyssa eingangs in Ihrem Tagebucheintrag erwähnte: Das ständige Rumreiten auf den Feindbildern der Musikindustrie. Selbst der Spiegel hat in der vorvorletzten Ausgabe eine MI-freundliche Rolle eingenommen und meines Erachtens ziemlich einseitig darüber berichtet. vera - 2003-09-26 07:43:03
"Voll der heisse Scheiss" ist ein Textauszug aus einem Liedgut (welch trügerisches Wort) von Nina, Hamburger Rapperin - deshalb aber nicht minder abstossend. Aber vielleicht bin ich nur zu alt dafür, die Sprache der Jungend eckte ja schon immer an......
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"Voll der heisse Scheiss" ist ein Textauszug aus einem Liedgut (welch trügerisches Wort) von Nina, Hamburger Rapperin - deshalb aber nicht minder abstossend. Aber vielleicht bin ich nur zu alt dafür, die Sprache der Jungend eckte ja schon immer an...... Heiko - 2003-09-26 08:51:08
Man kann natürlich auch den Standpunkt vertreten, daß auch schlechte Mundpropaganda gut sei für das Geschäft. Im Fall der so arg gebeutelten Musikindustrie ist die Strategie allerdings durchaus fragwürdig.
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Man kann natürlich auch den Standpunkt vertreten, daß auch schlechte Mundpropaganda gut sei für das Geschäft. Im Fall der so arg gebeutelten Musikindustrie ist die Strategie allerdings durchaus fragwürdig. grenzer - 2003-09-26 09:15:16
@Tammo & Heiko Benettonmässig ? So skandalös find ich es dann doch nicht. Ok, wir reden drüber, aber ob das bei den Kids 'ne Welle macht?
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@Tammo & Heiko Benettonmässig ? So skandalös find ich es dann doch nicht. Ok, wir reden drüber, aber ob das bei den Kids 'ne Welle macht? alkhan - 2003-09-26 12:09:07
Wer über 25 ist und MTV guckt hat selbst schuld *g*
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Wer über 25 ist und MTV guckt hat selbst schuld *g* Heiko - 2003-09-26 12:36:17
Die Benetton-Kampagnen von Oliviero Toscani waren sehr gut. "Voll der heiße Scheiß, Mann" ist einfach nur... scheiße.
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Die Benetton-Kampagnen von Oliviero Toscani waren sehr gut. "Voll der heiße Scheiß, Mann" ist einfach nur... scheiße. stefan - 2003-09-26 16:56:27
... voll der krasse post, eh! *g* So isses nun mal! noch schlimmer wäre das ganze in 'süddeutsch': "des isch fei voll krass!" (oder: brudaal!) mach ich einmal alle acht wochen mit in stuttgart und umgebung!
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... voll der krasse post, eh! *g* So isses nun mal! noch schlimmer wäre das ganze in 'süddeutsch': "des isch fei voll krass!" (oder: brudaal!) mach ich einmal alle acht wochen mit in stuttgart und umgebung! Knut Budnase - 2003-09-26 17:44:29
Ist es denn wirklich nötig, das konservierte Quaken von Daniel Kübelblök und Konsorten mit einem Kopierschutz zu versehen? Gibt es irgendwo da draußen tatsächlich Menschen, die einen CD-Rohling opfern, um solch merkwürdigen Geräuschabsonderungen aufzuzeichnen? Wird Mick Jagger an seinem neunzigsten Geburtstag aus dem Altersheim geholt, um mit krächzender, zittriger Stimme (und schlotternden Gliedern) "I got this sexdrive - driving me mad" zu singen? Fragen über Fragen ...

Immerhin ist die verunglückte Werbung gnadenlos ehrlich. Die von der Musikindustrie sorgsam herangezüchteten Sternchen, welche ohne den massiven Einsatz von Elektronik nur noch ein schräges Krächzen in das bereitgestellte Mikophon hauchen können, während die Musiker lustlos auf der Gitarre schrammeln oder das Schlagzeug recht ungekonnt malträtieren, produzieren ja nun wirklich eine jämmerliche Katzenmusik.

Reihenweise Insolvenzen der heute noch führenden Tonträgerunternehmen wären meines Erachtens nicht die schlechteste Option. Neue, unverbrauchte Label könnten nachrücken und, statt Retortenbabies zu züchten, ihre Agenten auf eine Entdeckungsreise durch Musikkneipen und Clubs schicken, wo es durchaus förderungswürdige Talente gibt, die sich wohltuend vom kübelblökschen Niveau abheben.
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Ist es denn wirklich nötig, das konservierte Quaken von Daniel Kübelblök und Konsorten mit einem Kopierschutz zu versehen? Gibt es irgendwo da draußen tatsächlich Menschen, die einen CD-Rohling opfern, um solch merkwürdigen Geräuschabsonderungen aufzuzeichnen? Wird Mick Jagger an seinem neunzigsten Geburtstag aus dem Altersheim geholt, um mit krächzender, zittriger Stimme (und schlotternden Gliedern) "I got this sexdrive - driving me mad" zu singen? Fragen über Fragen ...

Immerhin ist die verunglückte Werbung gnadenlos ehrlich. Die von der Musikindustrie sorgsam herangezüchteten Sternchen, welche ohne den massiven Einsatz von Elektronik nur noch ein schräges Krächzen in das bereitgestellte Mikophon hauchen können, während die Musiker lustlos auf der Gitarre schrammeln oder das Schlagzeug recht ungekonnt malträtieren, produzieren ja nun wirklich eine jämmerliche Katzenmusik.

Reihenweise Insolvenzen der heute noch führenden Tonträgerunternehmen wären meines Erachtens nicht die schlechteste Option. Neue, unverbrauchte Label könnten nachrücken und, statt Retortenbabies zu züchten, ihre Agenten auf eine Entdeckungsreise durch Musikkneipen und Clubs schicken, wo es durchaus förderungswürdige Talente gibt, die sich wohltuend vom kübelblökschen Niveau abheben.
Thomas - 2003-09-26 21:17:29
Dich wundert solcher Mundstuhl in der Werbung? Mich nicht. Jedes Volk bekommt das Fernsehen, das es verdient. Und wenn ich mir da meine Kolleginnen um die 18 anschaue ("Ey voll echt ey, du Schlampe") .
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Dich wundert solcher Mundstuhl in der Werbung? Mich nicht. Jedes Volk bekommt das Fernsehen, das es verdient. Und wenn ich mir da meine Kolleginnen um die 18 anschaue ("Ey voll echt ey, du Schlampe") . Sachar - 2003-09-27 14:17:29
Thomas hat ja recht. Jedes volk bekommt das Fernsehen, die Musik und die Zeitungen, die es verdient. Es gibt genug Menschen, die auf meinen Arbeitgeber BILD schimpfen, doch auch sie lesen das Blatt. Manchmal denke ich, dass es heute nicht mehr darum geht, ein gutes Produkt abzuliefern, sondern möglichst viele Leute zu polarisieren.
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Thomas hat ja recht. Jedes volk bekommt das Fernsehen, die Musik und die Zeitungen, die es verdient. Es gibt genug Menschen, die auf meinen Arbeitgeber BILD schimpfen, doch auch sie lesen das Blatt. Manchmal denke ich, dass es heute nicht mehr darum geht, ein gutes Produkt abzuliefern, sondern möglichst viele Leute zu polarisieren. Sachar - 2003-09-27 14:18:11
Thomas hat ja recht. Jedes volk bekommt das Fernsehen, die Musik und die Zeitungen, die es verdient. Es gibt genug Menschen, die auf meinen Arbeitgeber BILD schimpfen, doch auch sie lesen das Blatt. Manchmal denke ich, dass es heute nicht mehr darum geht, ein gutes Produkt abzuliefern, sondern möglichst viele Leute zu polarisieren.
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Thomas hat ja recht. Jedes volk bekommt das Fernsehen, die Musik und die Zeitungen, die es verdient. Es gibt genug Menschen, die auf meinen Arbeitgeber BILD schimpfen, doch auch sie lesen das Blatt. Manchmal denke ich, dass es heute nicht mehr darum geht, ein gutes Produkt abzuliefern, sondern möglichst viele Leute zu polarisieren. werner - 2003-09-28 04:58:18
Mit Begriffen wie "schräges Krächzen", "lustloses Schrammeln", Instrumente "ungekonnt malträtieren" usw. haben mich meine Eltern in den Sechziger Jahren auch konfrontiert, als ich "Beat-Club" und derlei Dinge im Fernsehen schauen wollte. Lustig für mich ist es zu sehen, dass der Altersabstand zwischen denen, die über bestimmte Musik ablästern, und denen, die sie gern hören, mittlerweile deutlich geringer wird. Knapp Dreißigjährige finden die Musik, die etliche Fünfzehnjährige gern hören, schon ... scheiße. Also, ich spucke meiner 12jährigen Tochter nicht in die Suppe, wenn sie sich für Musik begeistert, die ich nicht nachvollziehen kann. Ist doch eh nur eine Phase. Und kommerziell über den Tisch gezogen werden wir auch mit "guter Musik".
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Mit Begriffen wie "schräges Krächzen", "lustloses Schrammeln", Instrumente "ungekonnt malträtieren" usw. haben mich meine Eltern in den Sechziger Jahren auch konfrontiert, als ich "Beat-Club" und derlei Dinge im Fernsehen schauen wollte. Lustig für mich ist es zu sehen, dass der Altersabstand zwischen denen, die über bestimmte Musik ablästern, und denen, die sie gern hören, mittlerweile deutlich geringer wird. Knapp Dreißigjährige finden die Musik, die etliche Fünfzehnjährige gern hören, schon ... scheiße. Also, ich spucke meiner 12jährigen Tochter nicht in die Suppe, wenn sie sich für Musik begeistert, die ich nicht nachvollziehen kann. Ist doch eh nur eine Phase. Und kommerziell über den Tisch gezogen werden wir auch mit "guter Musik". supatyp - 2003-09-28 12:51:21
der kollege, der sich das ausgedacht hat, der hat die pfanne heiß. echt!
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der kollege, der sich das ausgedacht hat, der hat die pfanne heiß. echt!