Herr Schulte sitzt in der Küche (welche er kurzerhand zu seinem Büro erklärt hat, was mir nur recht sein kann, da ich dort eh nichts wirklich Genießbares zustande bringe) und lernt Englisch. Das ist ein so außerordentlich seltenes Ereignis, daß ich ihn eigentlich nur dazu beglückwünschen kann.
Leider stellt mich das aber zugleich vor ungeahnte Probleme, weil er alle paar Minuten mit irgendwelchen Vokabel- oder Grammatikfragen ankommt, über die ich mir schon seit Jahren keine Gedanken mehr gemacht habe. Und die ich folglich auch nicht ohne auffällig lange Denkpausen und ohne unprofessionelles Gestotter beantworten kann.
Natürlich weiß ich, was "impact" bedeutet. Aber ich kann mich nicht erinnern, das Wort je auswendig gelernt zu haben. Es scheint irgendwann mal via Lektüre in meinen Wortschatz geflossen zu sein und sitzt dort auch - nur leider ohne automatisch abrufbare Übersetzung.
Nach kurzem Luftholen fällt mir dann eine deutsche Entsprechung ein, die aber offensichtlich nicht genau das trifft, was Herr Schulte im Kurs gelernt hat. Genauso wenig habe ich je jemanden das Wort "drawing pin" im wirklichen Leben benutzen hören. Herr Schulte starrt mich an und beginnt ganz offensichtlich an meinen angeblich so guten Englisch-Kenntnissen zu zweifeln.
(Was mich sofort unangenehm an meinen allerersten Arbeitstag in Afrika erinnerte. Die Gründerin der dortigen Schule war eine Britin von höchst adeligem Geschlecht, hatte natürlich die entsprechende Erziehung genossen und war leider fest entschlossen, diese auch den ihr anvertrauten Schülern und Mitarbeitern angedeihen zu lassen.
Sie erwischte mich auf dem Schulhof, als ich grad ein Kind ermahnte, das achtlos weggeworfene Papier in den "trash can" zu tun. Sie sah mich an, als sei ich eben erst der besagten Mülltonne entsprungen und sagte mit ihrer wundervoll deutlichen Aussprache: "We do not, I repeat, do not call this a trash can. You will call it rubbish bin like every civilized person does.")
Herr Schulte starrt also weiterhin sichtlich irritiert und fragt schließlich: "Hast du all die englischen Bücher in deinem Regal auch wirklich gelesen?" - "Natürlich hab ich das." - "Und warum kannst du mir dann nicht einfach erläutern, nach welcher Regel man wo das Gerund benutzt?" - "Ähm, weil ich beim Reden längst nicht mehr über Regeln nachdenke, sondern einfach so nach Gefühl und aus dem Bauch heraus rede." - "Aha." Das Aha klingt nicht wirklich überzeugt.
Ebenso nicht überzeugt sind seine Lehrer von meiner Hausaufgabenhilfe. Das könnte natürlich daran liegen, daß mir das Lernziel der jeweiligen Übung oft nicht bekannt ist, und Herr Schulte meine flapsigen Lösungsvorschläge allzu ernst nimmt.
Woher bitte soll ich denn wissen, daß die korrekte Antwort auf den vorgegebenen Satz "Tim is yelling at his teachers" nicht etwa "Watch your mouth" lautet. Und leider auch nicht "Get the fuck outta my classroom", sondern ganz banal "He mustn't do that." Mir hat vorher niemand gesagt, daß es hier um "mustn't", "shouldn't" usw. geht und nicht etwa um einfache Antworten auf gezielte Provokation.
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