2003-10-21 - 23:31 - Durch die ewige Frage: wozu?

D.,

ich hab erst am Sonntag, als ich auf einen anderen Dachboden umziehen mußte, einen großen Schuhkarton mit deinem Namen darauf in der Hand gehabt. Darin befinden sich neben Dingen wie einem Bierdeckel mit Gedicht darauf und ähnlich sentimentalen Erinnerungsstücken auch viele Bilder von dir. Das Herz der Kiste bilden aber die über 100 Briefe von dir, in denen du deine Vergangenheit ausbreitest, von deinen Hoffnungen für die Zukunft und vor allem deinen Sorgen und Ängsten erzählst.

In den Tagen, als fast täglich ein Brief von dir bei mir ankam, ist mir das alles oft zuviel geworden. Ich war erschlagen von deinen Bedürfnissen, von deinen Hoffnungen, die du mit mir verbandest. Ich war selbst viel zu sehr in meine eigenen Probleme verstrickt, um dir eine Stütze zu sein. Und selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich dir vermutlich doch nie das geben können, wonach du gesucht hast.

Das konntest nur du selbst. Aber das wolltest du mir nie glauben. Und ich frage mich jetzt, ob dir das in letzter Zeit klar geworden ist.

Ich hab die Briefe und die Bilder irgendwann, nachdem wir nicht mehr so viel Kontakt hatten, in eine Kiste gelegt und auf den Dachboden gestellt. Schon beim letzten Umzug hab ich länger darin gekramt, hatte aber nicht die Energie, mich auf deine Gedanken einzulassen. Irgendwann mal, in einer ruhigen Stunde, an einem melancholischen, verregneten Sonntagnachmittag vielleicht. Jetzt fürchte ich, daß die Kiste wohl noch häufiger ungeöffnet mit mir umziehen wird.

Du bist auch einer dieser Menschen, die ich vor vielen Jahren mal im Internet kennengelernt habe. Im IRC, um genau zu sein. Und du bist mir aufgefallen, weil du Gottfried Benn zitiert hast. Außer mir mochte sonst niemand Benn. Das verquaste, oft genug pathetische Zeug sprach außer ein paar wortfetischistischen Germanistikstudenten eben nur angeschlagene Seelchen an.

An unser erstes Treffen kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es war vermutlich eines dieser Treffen von IRC-Irren in einer verräucherten Hamburger Kneipe. Aber an viele der nachfolgenden Begegnungen erinnere ich mich gut. Du bist aus einer Laune heraus mal mitten in der Nacht 850 Kilometer gefahren, um am nächsten Tag mit mir in Lübeck Marzipantorte essen zu gehen.

Und du bist vor vier Jahren extra zu meinem Geburtstag nach Hamburg gekommen und bist dann, statt zu feiern, mitten in der Nacht mit mir bei strömendem Regen über die Reeperbahn geirrt, um meine verschwundene Freundin Lisane zu suchen und aus den Armen irgendeines Kerls zu befreien. Den Rest der Nacht haben wir Lisane beruhigt und du hast dich nie darüber beschwert.

Die Strauchelnden und seelisch Angeknacksten waren dir ja auch ausreichend vertraut. Wir haben nächtelang über unsere Narben, die Depressionen, die großen und kleinen Krisen gesprochen. Du hast mich deine Seelenverwandte genannt und ich wollte alles, bloß nicht mit deiner Seele verwandt sein. Ich wollte raus aus dem Loch.

Du bist damit immer verdammt offen umgegangen. Du hast deine Depressionen schon fast wie einen Schutzschild vor dir hergetragen. Sie lagen immer ganz dicht unter der amüsanten, heiteren, abenteuerlustigen Oberfläche. Seht her, so bin ich, also erwartet nicht zu viel von mir und achtet auf meine zarte Seele.

Ich hab dir mal vorgeworfen, du würdest dich auf einer Art Plateau mit deinem Leben und deinen Depressionen arrangieren, anstatt immer wieder aufzustehen und dagegen anzugehen. Wenn ich das konnte, warum nicht du auch? Aber vielleicht hab ich auch einfach nur verdammt viel Glück gehabt.

Natürlich haben wir über Selbstmord geredet. Immer wieder mal. Es war zwar mehr als nur ein abstraktes Konzept, aber auch nicht mehr als eine Versicherung für den Fall, daß wirklich gar nichts mehr geht. Ich wünschte, ich könnte aufhören darüber nachzudenken, wie du dich gefühlt haben mußt. Ob wirklich nichts mehr ging, oder ob dir inzwischen auch das Leben auf dem Plateau zuviel geworden war.

Du Idiot, das Leben kann so unglaublich schön sein. Ich habe immer gesagt, daß man so eine Entscheidung respektieren muß. Dazu stehe ich auch weiterhin. Aber ich wußte nicht wirklich, wie schwer es ist, das auch zu akzeptieren. Ich Idiot.

Statt Benn Rüdiger Görner, weil du den alten vergilbten Zettel immer so gemocht hast:

Impression

Nicht Schnee, nicht Forsythie,

Lichtflocken vielleicht.

Und die Leiter im Feld

als Traumrest.

Ich bin niemandes Du,

nur ein Spiegeln

entfallenes Bild.

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Durch die ewige Frage: wozu? 2003-10-21 23:31 D.,

ich hab erst am Sonntag, als ich auf einen anderen Dachboden umziehen mußte, einen großen Schuhkarton mit deinem Namen darauf in der Hand gehabt. Darin befinden sich neben Dingen wie einem Bierdeckel mit Gedicht darauf und ähnlich sentimentalen Erinnerungsstücken auch viele Bilder von dir. Das Herz der Kiste bilden aber die über 100 Briefe von dir, in denen du deine Vergangenheit ausbreitest, von deinen Hoffnungen für die Zukunft und vor allem deinen Sorgen und Ängsten erzählst.

In den Tagen, als fast täglich ein Brief von dir bei mir ankam, ist mir das alles oft zuviel geworden. Ich war erschlagen von deinen Bedürfnissen, von deinen Hoffnungen, die du mit mir verbandest. Ich war selbst viel zu sehr in meine eigenen Probleme verstrickt, um dir eine Stütze zu sein. Und selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich dir vermutlich doch nie das geben können, wonach du gesucht hast.

Das konntest nur du selbst. Aber das wolltest du mir nie glauben. Und ich frage mich jetzt, ob dir das in letzter Zeit klar geworden ist.

Ich hab die Briefe und die Bilder irgendwann, nachdem wir nicht mehr so viel Kontakt hatten, in eine Kiste gelegt und auf den Dachboden gestellt. Schon beim letzten Umzug hab ich länger darin gekramt, hatte aber nicht die Energie, mich auf deine Gedanken einzulassen. Irgendwann mal, in einer ruhigen Stunde, an einem melancholischen, verregneten Sonntagnachmittag vielleicht. Jetzt fürchte ich, daß die Kiste wohl noch häufiger ungeöffnet mit mir umziehen wird.

Du bist auch einer dieser Menschen, die ich vor vielen Jahren mal im Internet kennengelernt habe. Im IRC, um genau zu sein. Und du bist mir aufgefallen, weil du Gottfried Benn zitiert hast. Außer mir mochte sonst niemand Benn. Das verquaste, oft genug pathetische Zeug sprach außer ein paar wortfetischistischen Germanistikstudenten eben nur angeschlagene Seelchen an.

An unser erstes Treffen kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es war vermutlich eines dieser Treffen von IRC-Irren in einer verräucherten Hamburger Kneipe. Aber an viele der nachfolgenden Begegnungen erinnere ich mich gut. Du bist aus einer Laune heraus mal mitten in der Nacht 850 Kilometer gefahren, um am nächsten Tag mit mir in Lübeck Marzipantorte essen zu gehen.

Und du bist vor vier Jahren extra zu meinem Geburtstag nach Hamburg gekommen und bist dann, statt zu feiern, mitten in der Nacht mit mir bei strömendem Regen über die Reeperbahn geirrt, um meine verschwundene Freundin Lisane zu suchen und aus den Armen irgendeines Kerls zu befreien. Den Rest der Nacht haben wir Lisane beruhigt und du hast dich nie darüber beschwert.

Die Strauchelnden und seelisch Angeknacksten waren dir ja auch ausreichend vertraut. Wir haben nächtelang über unsere Narben, die Depressionen, die großen und kleinen Krisen gesprochen. Du hast mich deine Seelenverwandte genannt und ich wollte alles, bloß nicht mit deiner Seele verwandt sein. Ich wollte raus aus dem Loch.

Du bist damit immer verdammt offen umgegangen. Du hast deine Depressionen schon fast wie einen Schutzschild vor dir hergetragen. Sie lagen immer ganz dicht unter der amüsanten, heiteren, abenteuerlustigen Oberfläche. Seht her, so bin ich, also erwartet nicht zu viel von mir und achtet auf meine zarte Seele.

Ich hab dir mal vorgeworfen, du würdest dich auf einer Art Plateau mit deinem Leben und deinen Depressionen arrangieren, anstatt immer wieder aufzustehen und dagegen anzugehen. Wenn ich das konnte, warum nicht du auch? Aber vielleicht hab ich auch einfach nur verdammt viel Glück gehabt.

Natürlich haben wir über Selbstmord geredet. Immer wieder mal. Es war zwar mehr als nur ein abstraktes Konzept, aber auch nicht mehr als eine Versicherung für den Fall, daß wirklich gar nichts mehr geht. Ich wünschte, ich könnte aufhören darüber nachzudenken, wie du dich gefühlt haben mußt. Ob wirklich nichts mehr ging, oder ob dir inzwischen auch das Leben auf dem Plateau zuviel geworden war.

Du Idiot, das Leben kann so unglaublich schön sein. Ich habe immer gesagt, daß man so eine Entscheidung respektieren muß. Dazu stehe ich auch weiterhin. Aber ich wußte nicht wirklich, wie schwer es ist, das auch zu akzeptieren. Ich Idiot.

Statt Benn Rüdiger Görner, weil du den alten vergilbten Zettel immer so gemocht hast:

Impression

Nicht Schnee, nicht Forsythie,

Lichtflocken vielleicht.

Und die Leiter im Feld

als Traumrest.

Ich bin niemandes Du,

nur ein Spiegeln

entfallenes Bild.

Darla - 2003-10-22 02:18:33
Jetzt sitze ich hier, diejenige, die wohl von allen Freunden und Bekannten am besten mit D.?s Tod umgehen kann und habe Tränen in den Augen. Denn diesen D. habe ich nie gekannt. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn je so kennengelernt hätte, wenn ich gewollt hätte. Zu unterschiedlich unsere Lebensauffassung, zu unterschiedlich unsere Ideologien. Aber eines ist gewiss: Dieser Brief ist einer der ergreifensten, den ich je als Nachruf gelesen habe. Er hat sich entschieden, wie er es getan nun mal hat. Und hat viele Menschen ratlos zurückgelassen. Dein Brief ist zwar keine Antwort, auf die Fragen, die er aufgeworfen hat, aber er ist immerhin ein Hinweis. Danke Dir dafür.
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Jetzt sitze ich hier, diejenige, die wohl von allen Freunden und Bekannten am besten mit D.?s Tod umgehen kann und habe Tränen in den Augen. Denn diesen D. habe ich nie gekannt. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn je so kennengelernt hätte, wenn ich gewollt hätte. Zu unterschiedlich unsere Lebensauffassung, zu unterschiedlich unsere Ideologien. Aber eines ist gewiss: Dieser Brief ist einer der ergreifensten, den ich je als Nachruf gelesen habe. Er hat sich entschieden, wie er es getan nun mal hat. Und hat viele Menschen ratlos zurückgelassen. Dein Brief ist zwar keine Antwort, auf die Fragen, die er aufgeworfen hat, aber er ist immerhin ein Hinweis. Danke Dir dafür. reflexxx - 2003-10-22 05:57:41
Macht nachdenklich, und verändert den Blick auf die Dinge des Moments... Seltsam, wenn so etwas in meiner Nähe passiert, dann fühle ich selbst mich hellwach und mein Leben besonders bewusst.
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Macht nachdenklich, und verändert den Blick auf die Dinge des Moments... Seltsam, wenn so etwas in meiner Nähe passiert, dann fühle ich selbst mich hellwach und mein Leben besonders bewusst. Humbi - 2003-10-22 11:43:00
Wunderschöner Eintrag. Ehrlich, wichtig und gut. Danke.
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Wunderschöner Eintrag. Ehrlich, wichtig und gut. Danke. Mike - 2003-10-25 19:36:02
Ich kenne D. nicht. Und ich denke ich kenne Lyssa eigentlich auch nicht obwohl ich mehr oder weniger regelmäßig hier vorbei komme. Aber der Brief hat mich daran erinnert wie ich im vorletzten Frühjahr in Köln jede Psychatrie abgeklappert habe weil ich C. seit Tagen nicht erreichen konnte. Und immer wieder abgewiesen wurde weil ich nicht mit ihr verwandt war. Im Winter davor konnte ich sie auch für fast drei Wochen nicht erreichen. Sie hatte Tabletten geschluckt und wurde dann in einer Klinik von der Außenwelt abgeschirmt. Wie das einem Menschen helfen soll bleibt mir ewig ein Rätsel, genauso wie in diesen Kliniken jemand gesund werden soll. C. geht es heute gut, sie wohnt mittlerweile mit jemandem zusammen und das ist auch gut so. Sie hat überlebt und man sollte glauben damit wäre alles erledigt. Aber wenn ich an den Frühling 2002 zurückdenke dann spüre ich immer noch die Angst und es tut weh. Ich habe ebenfalls immer gesagt dass ich eine solche Entscheidung respektieren würde aber wie hätte ich wissen können, dass ich es wirklich mal tun müsste. Ich musste es Gott sei Dank nicht tun, trotzdem bin ich nicht mehr derselbe.
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Ich kenne D. nicht. Und ich denke ich kenne Lyssa eigentlich auch nicht obwohl ich mehr oder weniger regelmäßig hier vorbei komme. Aber der Brief hat mich daran erinnert wie ich im vorletzten Frühjahr in Köln jede Psychatrie abgeklappert habe weil ich C. seit Tagen nicht erreichen konnte. Und immer wieder abgewiesen wurde weil ich nicht mit ihr verwandt war. Im Winter davor konnte ich sie auch für fast drei Wochen nicht erreichen. Sie hatte Tabletten geschluckt und wurde dann in einer Klinik von der Außenwelt abgeschirmt. Wie das einem Menschen helfen soll bleibt mir ewig ein Rätsel, genauso wie in diesen Kliniken jemand gesund werden soll. C. geht es heute gut, sie wohnt mittlerweile mit jemandem zusammen und das ist auch gut so. Sie hat überlebt und man sollte glauben damit wäre alles erledigt. Aber wenn ich an den Frühling 2002 zurückdenke dann spüre ich immer noch die Angst und es tut weh. Ich habe ebenfalls immer gesagt dass ich eine solche Entscheidung respektieren würde aber wie hätte ich wissen können, dass ich es wirklich mal tun müsste. Ich musste es Gott sei Dank nicht tun, trotzdem bin ich nicht mehr derselbe. Lars - 2003-11-22 18:18:02
Passende Worte. Danke.
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Passende Worte. Danke.