Das beherrschende Thema des Wochenendes, und damit verantwortlich für meine Abwesenheit hier, heißt Umzüge. Und damit meine ich nicht diese sonderbaren Straßen-Veranstaltungen, die alkoholisierten und zwangskostümierten Rheinländern als Entschuldigung dafür dienen, sich gegenseitig Süßwaren an den Kopf zu werfen und außerehelichen Geschlechtsverkehr im Zustand absoluter Unzurechnungsfähigkeit zu zelebrieren.
Ich rede hier von der viel übleren Variante der Hausrats-Umzüge enger Freunde. Q will morgen endgültig seine Sachen nach Berlin schaffen, und Maximilian hat bereits heute seinen Hausstand mit dem seiner Verlobten zusammengelegt. Das bedeutete, daß wir ab neun Uhr morgens zunächst seine Sachen aus dem zweiten Stock in einen Transporter laden, dann ihre noch viel zahlreicheren Wohnaccessoires aus dem fünften Stock dazu packen und beides schließlich in einem dritten Haus wieder in den fünften Stock schaffen durften. Alles ohne Fahrstuhl, versteht sich.
Immerhin wurde Maximilians Umzug erheblich aufgelockert durch die Tatsache, daß ein großer Teil der Umzugskisten aus zweiter Hand stammte und daher auch bereits fremd-beschriftet war. So schleppten Marets Eltern und die angeheuerten Hilfskräfte mit großen Augen Kartons, auf denen Dinge standen wie: "Schlafzimmer - Fetisch & Co."
Die größte Überraschung bot aber der Umzug meines Nachbarn von gegenüber. Paul wohnt auf der anderen Seite der Gasse, eine Etage tiefer. Wir haben uns noch nie auf der Straße getroffen, nie ein Wort gewechselt, sondern "kennen" uns nur vom Durchs-Fenster-Sehen. In einsamen Nächten haben wir uns gelegentlich verstohlen zugewinkt, und dann gleich wieder hinter unseren Büchern versteckt.
Eben dieser Paul zieht nun eine Straße weiter, und ich hatte über Dritte erfahren, daß er sein altes Bett verschenken möchte. Also bin ich gestern abend zu ihm rübergegangen, um mich danach zu erkundigen. Eine komische Situation. Wie stellt man sich vor, wenn man sich bereits zwei Jahre lang durchs Fenster beim Leben zugesehen hat? Siezt man sich? Gibt man sich wohlerzogen die Hand?
Aber die Unsicherheit gab sich innerhalb von Sekunden. Paul und ich waren uns auf Anhieb sehr sympathisch, und außerdem kamen mir die vorderen Räume der Wohnung fast so bekannt vor wie meine eigenen. Aus der Bett-Begutachtung wurde prompt ein mehrstündiges Probeliegen mit Rotweinausschank (nein, wir waren bekleidet und hielten einen gebührenden Abstand ein).
Das Gespräch landete nach einer Weile beim Thema Reisen, und eine Geschichte jagte die nächste. Wäre der Wein besser und die Sitzgelegenheit bequemer gewesen, hätten wir vermutlich genauso gut zwei alten Herren in einem britischen Club lauschen können. Paul ist ein gefragter Kameramann, der beruflich fast ständig unterwegs ist, und ich bin auch nicht grad als die Seßhafteste bekannt.
Schließlich mußten wir unser Gespräch ins Wohnzimmer verlagern, um zu der jeweiligen Geschichte die passende Kiste mit Erinnerungsstücken durchwühlen zu können. Und da Paul ohnehin grad beim umzugsbedingten Aussortieren seiner Habseligkeiten war, gingen einige besonders wunderliche Souvenirs gleich in meinen Besitz über.
So ist meine Sammlung an weltweiten Merkwürdigkeiten (zu der u.a. selbstgemachte Becher aus Kudu-Hodensäcken und diverse zentralafrikanische Fetische gehören) seit gestern um einen alten, knöchernen Schwertgriff aus Java und einen riesigen Bison-Knochen aus dem Pleistozän reicher. Das beste Geschenk aus dem Hause Pauls ist aber der "Vampire Martini".
Dabei handelt es sich um ein kleines Einweckglas, in dem eine tote Fledermaus (bei der man sogar die Gesichtszüge noch deutlich erkennen kann) und eine Olive in reichlich Wodka konserviert sind (stirred, not shaken). Das Ding hat er wohl vor 15 Jahren in einem Voodoo-Laden in New Orleans geschenkt bekommen, und nun ist es auf meinen Schreibtisch umgezogen. Es macht sich gut dort neben dem Hodensack-Becher, der als Stifthalter dient (ich fürchte nur, Besucher werden da ganz andere Ansicht sein).
Das Bett? Ach, das steht immer noch bei Paul und wartet auf den nächsten Rotwein-Abend, bevor er in zwei Wochen endgültig umzieht. Schade eigentlich, daß wir so lange nur Fenster-Bekannte waren.
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