2003-11-16 - 21:10 - Sie haben immer noch keine Post

Ich hab mich heute, was ich viel zu selten mache, in eine dicke Decke gehüllt auf mein Sofa gesetzt, Kerzen um mich herum aufgestellt, eine große Kanne Tee dazu, meinen allerschönsten Füllfederhalter genommen und einen sehr, sehr langen Brief per Hand geschrieben. Per Hand! Ich hatte schon befürchtet, ich könnte das gar nicht mehr, und die Schmerzen in meinen Fingern sind ein deutlicher Beweis dafür, daß ich auf dem besten Weg bin, handschreibunfähig zu werden, zumindest sofern es um mehr als ein paar schnelle Notizen geht.

Anschließend hab ich den Brief in einen Umschlag gesteckt, einen Luftpostaufkleber und ein kleines Vermögen daraufgepappt und bin mit dem Hund durch den Regen zum nächsten Briefkasten gestapft, um den Brief mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung durch die Klappe zu schieben. Jetzt beginnt allerdings der wirklich harte Teil dieses Unterfangens, das Warten.

Der Brief geht nämlich nach Afrika, zu den letzten Menschen in meinem Freundeskreis ohne Internetzugang und damit auch ohne eigene Emailadresse. Und das dauert. Trotz der unglaublichen Kosten für die Luftpost. Der Brief landet zwar schon innerhalb weniger Tage in Windhoek, muß aber dann (sofern er nicht ohnehin irgendwann unterwegs "verloren" geht) aber noch in eine kleine Stadt im Norden Namibias befördert werden.

Dort landet er in einem Postfach und wartet auf seine Abholung. Was manchmal Wochen dauern kann, da die Farm der Briefempfänger etwa 150 km entfernt vom Postfach mitten im Busch liegt und ein größerer Teil der Strecke über schmale Sandstraßen führt. Wenn sie den Brief dann endlich haben, was mindestens drei Wochen dauert, brauchen sie natürlich wieder einige Zeit, um ihn zu beantworten und die Antwort auf dem umgekehrten Weg, also erst bei der nächsten Fahrt in die Stadt, wieder in meine Richtung zu schicken.

Es können also locker zwei Monate vergehen, bis ich eine Antwort auf meine Zeilen von heute nachmittag habe. Und während dieser Zeit wird sich unsere jeweilige Weihnachtspost vermutlich noch irgendwo unterwegs begegnen. Weihnachtspost übrigens, die jetzt schon fast überfällig ist.

Vor zehn Jahren hat mich das noch nicht so sehr gestört wie heute. Damals saß ich selbst im Busch und hatte mich längst daran gewöhnt, nur etwa alle vier Wochen einen Schwung Post zu bekommen und die nächsten Wochen zur Beantwortung der Briefe zu nutzen. Heute macht mich das wahnsinnig. Ich bin mail-verwöhnt. Ich möchte, daß das, was ich so dringlich mitzuteilen habe, auch bitte sofort gelesen werden kann. Und ich möchte auch gern ein Feedback haben, bevor sich das Geschriebene schon wieder sehr vergangen anfühlt.

Wie gut, daß heute Sonntag ist. Sonntage sind Ruhetage und somit geduldsfördernd. Ganz bestimmt. Sofort.

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Sie haben immer noch keine Post 2003-11-16 21:10 Ich hab mich heute, was ich viel zu selten mache, in eine dicke Decke gehüllt auf mein Sofa gesetzt, Kerzen um mich herum aufgestellt, eine große Kanne Tee dazu, meinen allerschönsten Füllfederhalter genommen und einen sehr, sehr langen Brief per Hand geschrieben. Per Hand! Ich hatte schon befürchtet, ich könnte das gar nicht mehr, und die Schmerzen in meinen Fingern sind ein deutlicher Beweis dafür, daß ich auf dem besten Weg bin, handschreibunfähig zu werden, zumindest sofern es um mehr als ein paar schnelle Notizen geht.

Anschließend hab ich den Brief in einen Umschlag gesteckt, einen Luftpostaufkleber und ein kleines Vermögen daraufgepappt und bin mit dem Hund durch den Regen zum nächsten Briefkasten gestapft, um den Brief mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung durch die Klappe zu schieben. Jetzt beginnt allerdings der wirklich harte Teil dieses Unterfangens, das Warten.

Der Brief geht nämlich nach Afrika, zu den letzten Menschen in meinem Freundeskreis ohne Internetzugang und damit auch ohne eigene Emailadresse. Und das dauert. Trotz der unglaublichen Kosten für die Luftpost. Der Brief landet zwar schon innerhalb weniger Tage in Windhoek, muß aber dann (sofern er nicht ohnehin irgendwann unterwegs "verloren" geht) aber noch in eine kleine Stadt im Norden Namibias befördert werden.

Dort landet er in einem Postfach und wartet auf seine Abholung. Was manchmal Wochen dauern kann, da die Farm der Briefempfänger etwa 150 km entfernt vom Postfach mitten im Busch liegt und ein größerer Teil der Strecke über schmale Sandstraßen führt. Wenn sie den Brief dann endlich haben, was mindestens drei Wochen dauert, brauchen sie natürlich wieder einige Zeit, um ihn zu beantworten und die Antwort auf dem umgekehrten Weg, also erst bei der nächsten Fahrt in die Stadt, wieder in meine Richtung zu schicken.

Es können also locker zwei Monate vergehen, bis ich eine Antwort auf meine Zeilen von heute nachmittag habe. Und während dieser Zeit wird sich unsere jeweilige Weihnachtspost vermutlich noch irgendwo unterwegs begegnen. Weihnachtspost übrigens, die jetzt schon fast überfällig ist.

Vor zehn Jahren hat mich das noch nicht so sehr gestört wie heute. Damals saß ich selbst im Busch und hatte mich längst daran gewöhnt, nur etwa alle vier Wochen einen Schwung Post zu bekommen und die nächsten Wochen zur Beantwortung der Briefe zu nutzen. Heute macht mich das wahnsinnig. Ich bin mail-verwöhnt. Ich möchte, daß das, was ich so dringlich mitzuteilen habe, auch bitte sofort gelesen werden kann. Und ich möchte auch gern ein Feedback haben, bevor sich das Geschriebene schon wieder sehr vergangen anfühlt.

Wie gut, daß heute Sonntag ist. Sonntage sind Ruhetage und somit geduldsfördernd. Ganz bestimmt. Sofort.

Liisa - 2003-11-16 15:28:40
Hach ja, da werden doch Erinnerungen wach... sach mal, das wollte ich schon mal nachfragen, was hast Du denn im afrikanischen Busch gemacht? Warst Du ebenfalls in Namibia? Scheint, wir haben da einen sich überschneidenden Erfahrungskreis, denn ich hab ja auch einige Zeit im afrikanischen Busch zugebracht ... allerdings in Tanzania *s*
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Hach ja, da werden doch Erinnerungen wach... sach mal, das wollte ich schon mal nachfragen, was hast Du denn im afrikanischen Busch gemacht? Warst Du ebenfalls in Namibia? Scheint, wir haben da einen sich überschneidenden Erfahrungskreis, denn ich hab ja auch einige Zeit im afrikanischen Busch zugebracht ... allerdings in Tanzania *s* Jeremin - 2003-11-16 15:49:52
Erinnert mich an die Zeiten, als in meiner Umgebung nur Ärzte, Feuerwehrleute, Parteibonzen und Bul..äh..Polizisten Telefon hatten. Was war die Welt klein und das Denken auch...
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Erinnert mich an die Zeiten, als in meiner Umgebung nur Ärzte, Feuerwehrleute, Parteibonzen und Bul..äh..Polizisten Telefon hatten. Was war die Welt klein und das Denken auch... Wollmilcheber - 2003-11-16 23:51:31
Ein handschriftlicher Brief ist doch tausendmal schöner als eine schnöde Email. Die Schrift, der Geruch, das Papier, das Geschriebene geben doch einiges mehr, als die mehr oder weniger schlecht formatierte Times New Roman einer Email. Ein Brief kann eine Geschichte erzählen, schon wenn er ankommt, so wie Du diese Geschichte erzählt hast. Deshalb mag ich auch das Bloggen, weil es eigentlich ein Anachronismus ist, eine Sentimentalität. Wenn auch digital und öffentlich. Es ist ein Phänomen unserer Zeit keine Zeit zu haben, keine Geduld, keine Gelassenheit. Die Wiederentdeckung kann eine Offenbarung sein :-)
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Ein handschriftlicher Brief ist doch tausendmal schöner als eine schnöde Email. Die Schrift, der Geruch, das Papier, das Geschriebene geben doch einiges mehr, als die mehr oder weniger schlecht formatierte Times New Roman einer Email. Ein Brief kann eine Geschichte erzählen, schon wenn er ankommt, so wie Du diese Geschichte erzählt hast. Deshalb mag ich auch das Bloggen, weil es eigentlich ein Anachronismus ist, eine Sentimentalität. Wenn auch digital und öffentlich. Es ist ein Phänomen unserer Zeit keine Zeit zu haben, keine Geduld, keine Gelassenheit. Die Wiederentdeckung kann eine Offenbarung sein :-) kaltmamsell - 2003-11-17 02:59:55
Nee, in dieser Hinsicht verlässt mich meine sonst so verlässliche Nostalgie. Snail-Mail als Mittel der zweiseitigen Kommunikation ist Folter. Von der wir durch elektronische Post befreit wurden. Ich erinnere mich mit Haarsträuben an den Briefkontakt mit meinem liebsten Freund während seines Auslandsjahrs in USA. Schon bald hatten wir drei Konversationslinien gleichzeitig laufen, damit wenigstens einmal die Woche ein Brief kam. Papier und Tinte sind aber weiterhin der Sorte Post vorbehalten, die im Grunde keine Antwort erwartet: Liebesbriefe, Gratulationen zu großen Ereignissen, Kondolenz. Meine ich.
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Nee, in dieser Hinsicht verlässt mich meine sonst so verlässliche Nostalgie. Snail-Mail als Mittel der zweiseitigen Kommunikation ist Folter. Von der wir durch elektronische Post befreit wurden. Ich erinnere mich mit Haarsträuben an den Briefkontakt mit meinem liebsten Freund während seines Auslandsjahrs in USA. Schon bald hatten wir drei Konversationslinien gleichzeitig laufen, damit wenigstens einmal die Woche ein Brief kam. Papier und Tinte sind aber weiterhin der Sorte Post vorbehalten, die im Grunde keine Antwort erwartet: Liebesbriefe, Gratulationen zu großen Ereignissen, Kondolenz. Meine ich. Thomas - 2003-11-17 06:38:39
Da sag noch mal einer, die gelbe Gefahr sei Schneckenpost :)
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Da sag noch mal einer, die gelbe Gefahr sei Schneckenpost :) hape - 2003-11-17 08:18:41
Wie schön ist es in alten Briefen zu lesen....wie ekelig war damals im Zeltlager das Essen..... was ich so alles meiner Mutter aus dem Internat berichtete, was sie antwortete und was meine Schwester als Senf dazu gab....die ersten Briefe meiner Kinder - ich sehe sie vor mir, die Zunge im Mundwinkel Buchstabe für Buchstabe auf's Papier zwingend - als sie bei ihren Grosseltern waren. Die Briefe meiner Enkel, Freunde und Verwandten, jeder ein Stück Erinnerung für sich. Das alles durch e-mail ersetzen? Wie denn, bitteschön? Ausdrucken? Das soll dann ein "Brief" sein? Sozusagen ein Stück eines anderen Menschen? Nie und nimmer. Einen Brief schreibt man nicht so einfach wie ein e-mail. Man überlegt "was schreibe ich"?"Soll ich das so, oder doch lieber so sagen?" Man sieht den Emfänger vor sich wie er den Brief liest. Man stellt sich was vor. Und beim e-mail? Wird einfach losgetippt. Vertippt? Macht nix, klick,klick, tipp,tipp schon ausgebessert. Man denkt nicht vorher, man schreibt einfach. Sicher spontaner. Ob aber auch herzlicher, persönlicher, einfühlsamer und überlegter? Bezweifle ich. Aber zum Glück hebt ja kaum ein Mensch e-mails auf. Dazu müsste man sie ausdrucken. Wer tut das schon... Auf der Festplatte werden sie entweder durch einen Crash oder auf andere Art vernichtet. Was gut ist. Meiner Meinung nach.;-) Denn: "Richtige" Briefe und e-mails kann man nicht vergleichen! ;-)
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Wie schön ist es in alten Briefen zu lesen....wie ekelig war damals im Zeltlager das Essen..... was ich so alles meiner Mutter aus dem Internat berichtete, was sie antwortete und was meine Schwester als Senf dazu gab....die ersten Briefe meiner Kinder - ich sehe sie vor mir, die Zunge im Mundwinkel Buchstabe für Buchstabe auf's Papier zwingend - als sie bei ihren Grosseltern waren. Die Briefe meiner Enkel, Freunde und Verwandten, jeder ein Stück Erinnerung für sich. Das alles durch e-mail ersetzen? Wie denn, bitteschön? Ausdrucken? Das soll dann ein "Brief" sein? Sozusagen ein Stück eines anderen Menschen? Nie und nimmer. Einen Brief schreibt man nicht so einfach wie ein e-mail. Man überlegt "was schreibe ich"?"Soll ich das so, oder doch lieber so sagen?" Man sieht den Emfänger vor sich wie er den Brief liest. Man stellt sich was vor. Und beim e-mail? Wird einfach losgetippt. Vertippt? Macht nix, klick,klick, tipp,tipp schon ausgebessert. Man denkt nicht vorher, man schreibt einfach. Sicher spontaner. Ob aber auch herzlicher, persönlicher, einfühlsamer und überlegter? Bezweifle ich. Aber zum Glück hebt ja kaum ein Mensch e-mails auf. Dazu müsste man sie ausdrucken. Wer tut das schon... Auf der Festplatte werden sie entweder durch einen Crash oder auf andere Art vernichtet. Was gut ist. Meiner Meinung nach.;-) Denn: "Richtige" Briefe und e-mails kann man nicht vergleichen! ;-) Thomas - 2003-11-18 09:10:10
@hape Sicherlich neigen viele Menschen zu reiner "Plastikkommunikation" via E-Mail. Aber mann kann genauso gefühlvoll, bedacht und inhaltsvoll schreiben wie bei Briefen. Entscheidend ist die Kraft der Worte, weniger das Medium, über das sie transportiert werden.
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@hape Sicherlich neigen viele Menschen zu reiner "Plastikkommunikation" via E-Mail. Aber mann kann genauso gefühlvoll, bedacht und inhaltsvoll schreiben wie bei Briefen. Entscheidend ist die Kraft der Worte, weniger das Medium, über das sie transportiert werden. hape - 2003-11-18 10:25:21
@Thomas: Die Worte eines e-mail können/mögen stimmen, aber ein "echter" Brief ist doch irgendwie auch ein Stück Persönlichkeit. Zugegeben, ich bin in dieser Beziehung vielleicht zu sentimental, aber wenn ich meine und die "ererbten" Briefe meiner Mutter hin und wieder durchblättere, habe ich ein Stück aus der Vergangenheit in Händen.
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@Thomas: Die Worte eines e-mail können/mögen stimmen, aber ein "echter" Brief ist doch irgendwie auch ein Stück Persönlichkeit. Zugegeben, ich bin in dieser Beziehung vielleicht zu sentimental, aber wenn ich meine und die "ererbten" Briefe meiner Mutter hin und wieder durchblättere, habe ich ein Stück aus der Vergangenheit in Händen. Thomas - 2003-11-18 10:42:36
@hape Ich kann dich durchaus verstehen. Rotwein und das Lesen alter Briefe hat seinen eigenen Charme. Aber auch das Lesen "alter" (im Vergleich zu deinen Briefen können E-Mails ja nicht so alt sein *s*) E-Mails kommt dem sehr nahe.
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@hape Ich kann dich durchaus verstehen. Rotwein und das Lesen alter Briefe hat seinen eigenen Charme. Aber auch das Lesen "alter" (im Vergleich zu deinen Briefen können E-Mails ja nicht so alt sein *s*) E-Mails kommt dem sehr nahe. Thomas - 2003-11-18 10:44:19
Anhang: Ich hatte neulich Feldpost meines im Krieg gefallenen Opas in der Hand. Mit Sicherheit etwas anderes als eine E-Mail.
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Anhang: Ich hatte neulich Feldpost meines im Krieg gefallenen Opas in der Hand. Mit Sicherheit etwas anderes als eine E-Mail.